
Was machen wir mit all dem Licht?
- Leonie Adler

- 9. Jan. 2023
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Jan. 2023
Als ich gerade meine Wohnung verließ um mit einem Freund ein Gespräch zu führen, dass in mir brannte habe ich habe das Licht angelassen, damit es sich warm anfühlt, wenn ich zurück komme.
Nun brennen Kerzen und ich habe mich etwas abgekühlt.
Nicht, weil es draußen kalt ist, sondern weil es genau das ist, was passiert wenn hard conversations so verlaufen, wie sie sollen. Etwas das vorher brannte, kann anfangen zu leuchten, wir müssen uns trauen.
Aber ich fang mal da an, wo das letzte Jahr aufhörte und wieso es mich zum nachdenken brachte.
Weihnachten ist für viele Leute schwer. Vielleicht ist es das Gewicht der Tradition und Erwartung, was die Stimmung oft runter zieht. Oder die Menschen, die man jedes Jahr sieht, von denen viele, gerade die ältere Generationen oft Meinungen und Ansichten vertreten, die wir für so veraltet wie der Altersunterschied groß ist. Gerade an Weihnachten treffen da oft Fronten aufeinander, die im Rest des Jahres mehr verschwimmen, vielleicht weil sich Diskussionen über mehrere Treffen strecken und nicht gleich so viel Meinungsverschiedenheit aufeinander prallt wie es an den Feiertagen oft der Fall ist.
Meine Meinung ist, dass die Welt in einer Krise steckt, sei es das Klima das wir erhitzen, die Demokratien die wir drohen zu verlieren und die Menschen die wir vertreiben, aus ihrer Heimat weil dort Krieg herrscht.
Vor kurzem fand ich einen Master Programm: Intersektionalität, Gender und Politik, der Begeisterung in mir auslöste, da er viele Themen lehrt, die wichtig sind um diese Krise zu überstehen. Leider bekommt man oft defensive Reaktionen, wenn man auf diese Misstände der Welt hinweist, so auch ich an Weihnachten.
Meine Begeisterung für das Studium stieß auf vehemente Ablehnung. Es vielen Worte wie Bullshit, Schwachsinn, etc. Das ganze ging sehr schnell und dauerte fast eine Stunde, so dass ich erst im Nachhinein begriff, was mich am meisten gestört hatte: Das meine neue Idee, über die ich sehr begeistert war, von Kritik zerrissen in der Ecke lag wie achtlos dahingeworfenes Geschenkpapier noch bevor alle Beteiligten im Raum den Begriff Intersektionalität überhaupt einmal verstanden hatten.
Emilia Roig beschriebt Intersektionalität so, dass Diskriminierung auf vielen Ebenen gleichzeitig passieren kann, insbesondere dann wenn ein Mensch mehreren marginalisiert Gruppen angehört.
Ein weiterer Hauptpunkt dieser Diskussion an Weihnachten war, dass die theoretische, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit solchen Themen sich nicht auszahle, man schaffe Veränderung nur im kleinen, privaten, im Alltag.
Doch was Emilia Roig beschreibt, ist jahrelang untersucht, erforscht worden es war notwendig um überhaupt kenntlich und sichtbar zu machen wie und wo Diskriminierung passiert.
Vor gut einem Jahr traf ich eine Entscheidung, die anfangs vielleicht weniger bewusst passierte, aber weitreichende Folgen hatte.
Ich hörte damit auf immer nur ja (oder auch nichts) zu sagen und fing damit an mal laut und manchmal sehr laut nein zu sagen.
Ich hörte auf Männer in Klubs einfach nur wegzuschieben oder mich von ihnen wegzubewegen. Ich hörte auf die Schikane sexistischer Chefs bei schlecht bezahlten Jobs über mich ergehen zu lassen und mich anschließend klein zu fühlen. Ich hörte auf darüber hinwegzusehen, wenn die Männer mit denen ich schlief die falschen Ansichten hatten. Und ich habe angefangen auch in den ach so sicheren Gefilden der Familie und Freunde ordentlich den Boden aufzumischen, wenn ich es für nötig hielt. Statt dessen begann ich diese Männer im Klub aufzufordert ihre Finger von mir wegzunehmen, ich habe diese Chefs und ihre dreckigen Nachrichten in die Öffentlichkeit gestellt, damit sie jeder sehen konnte auch noch als er mir drohte. Ich habe schwere Gespräche mit Freunden geführt, die mich oft verletzten. Ich habe mich verletzlich gemacht, in jeder einzelnen dieser Auseinandersetzungen. Es war in dieser Hinsicht kein einfaches Jahr denn das Thema Sexismus ist unglaublich emotional geladen.
Doch ein Pfeiler in dieser Entscheidung war eben diese Wissenschaft, in Form von Büchern, Podiumsdiskussionen, Filmen, Vorträgen & Podcasts, die mir ein nachhaltiges Gefühl gaben nicht allein zu sein, mit meinen Erfahrungen als Frau. Sie war mein Werkzeug mit dem ich meine Stimme wiederfand. Nur so konnte ich anfangen etwas zu verändern. Weil ich verstand, da draußen sind Menschen, Frauen, denen es auch so geht wir mir. Dieses System, das Patriarchat beschützt die, die von ihm profitieren und möchte die zum Schweigen bringen, die es kritisieren. Wissenschaft macht diese Strukturen sichtbar, zugänglich. Anstelle von Gefühlen der Isolation schafft sie einen Raum in dem die Grenzen dieses Systems neu diskutiert werden können. Und das meine Freunde sind die hard conversations. Und wenn wir sie führen, dann schaffen wir genau das: Veränderung im Kleinen, im Privaten und somit im Alltag. Zwischen mir und dir. Denn die Emotionalität einer Konversation ist nicht die Garantie zu ihrem Scheitern. Auch dass ist eine veraltete Ansicht. Im Gegenteil, die Emotionalität in diesen Gesprächen mit meinen Freunden und meiner Familie, ist eine Chance, dass mir aufmerksamer zugehört wird.
Ich möchte an dieser Stelle aber noch auf drei Dinge aufmerksam machen, die wichtig für den Kontext solcher Konversationen sind. Erstens, es braucht strukturelle Veränderung um diese strukturellen Probleme zu auf Dauer zu lösen. Keine hard conversation kann diese strukturellen Probleme aus der Welt schaffen, solange sie von politischen Systemen gehalten werden. Zweitens ist es nicht und sollte es nie die Aufgabe marginalisierter Personen sein, Mehrheiten über ihre Misstände und die Abwesenheit von Privilegien aufzuklären. In meinem Fall ist das eine persönliche Entscheidung, da ich so das Gefühl habe a) etwas bewegen zu können und b) mich etwas weniger klein/unterdrückt zu fühlen. Drittens finde ich es auch wichtig zu sagen, dass nicht alle die gleichen Möglichkeiten haben, frei über ihre Diskriminierung zu sprechen. Die Politische Situation im Iran ist nur ein Beispiel, in dem Frauen um ihr Leben und ihre Sicherheit fürchten müssen, wenn sie nur ihre Meinung frei äußern. Für mich ist auch das ein Antrieb, hard conversations zu führen, ein Sprachrohr für die zu sein, die es nicht können ohne um ihre Menschenrechte zu bangen.
Die Diskussion innerhalb meiner Familie hat dazu geführt, dass Menschen, die den Begriff intersektionalen Feminismus vorher nicht kannten, sich nun damit auseinandersetzten. Das Gespräch mit meinem Freund, vom Anfang dieses Betrags, hat dazu geführt, dass ich das Licht gar nicht brauchte, als ich wieder zurück in die Wohnung kam, weil er mir statt Defensive zu zeigen, zuhörte.
Nochmal zum Abschluss: das hier ist keine Aufforderung sondern eine Ermutigung. Mir ist bewusst, dass es absolut nicht einfach ist, in diesen Momenten etwas zu sagen und es gibt immer noch viele Momente in denen
ich es nicht schaffe.
Doch das hier ist eine kleine Hymne auf die Stimme die wir haben, darauf, dass wenn wir sie benutzen und uns selbst ein Licht anmachen, es für andere vielleicht auch ein bisschen heller wird. Und dass wenn wir da im kleinen beginnen, Großes daraus wachsen wird!





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